Neue Impulse für die Natur-Vielfalt

Wird Bühl bald die badische Hauptstadt der biologischen Vielfalt? Die SPD Bühl jedenfalls hätte nichts dagegen. Unter dem Motto „Mehr Natur in der Stadt- der Vielfalt eine Chance geben“ hatten Dr. Raphael Kist vom SPD Arbeitskreis Kommunalpolitik und der SPD-Ortsverein Bühl die Landtagsabgeordnete Gabi Rolland eingeladen. Als umweltpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion diskutierte sie zusammen mit Martin Klatt, dem Artenschutzreferenten des NABU Baden-Württemberg mit den zahlreichen interessierten Gästen über das Thema Erhalt der Artenvielfalt in Stadt und Land. Durch den Abend führte die SPD-Gemeinderätin Barbara Becker.

In seinem kurzen Impulsvortrag erklärte Martin Klatt die Hintergründe des kürzlich eingeführten biologischen Leitbildes der Stadt Bühl und wie diese bereits mit Leben gefüllt werden. So wurde schon 1992 in der UN-Artenschutzkonvention international beschlossen, dass bis 2010 der Niedergang der Natur gestoppt sein solle. Von diesem Ziel sind wir leider weltweit noch sehr weit entfernt, auch hier in Deutschland und in Baden-Württemberg. In einer weiteren Initiative hat die UN nun die Dekade der biologischen Vielfalt bis 2020 ausgerufen um den weltweiten Artenrückgang zu stoppen.

Die Stadt Bühl trägt lokal mit ihrem ökologischen Leitbild ihren Teil zu diesem Stopp des Artenverlustes bei. So wurden und werden Wiesen mit heimischern Wildblütenpflanzen eingesät, die einer Vielzahl von Tieren, wie Wildbienen und Schmetterlingen als Nahrungsquelle und Lebensraum dienen. Weiter wurden reich blühende dauerhafte Staudenbeete angelegt, die ebenfalls reichlich Nektar und Pollen für hungrige Blütenbesucher zur Verfügung stellen.

„Heimische Pflanzen sind für heimische Tiere die beste Adresse. Sie sind der Schlüssel zu mehr Vielfalt!“ stellte Klatt den hohen Wert heimischer Gewächse klar. Im Gegensatz zu den einjährig angepflanzten Beeten oder ausgesäten Standardblühmischungen bilden diese Wildblumenwiesen, wenn sie einmal etabliert sind, ohne großen Aufwand schöne und dauerhafte Bestände.

Gerade jetzt bei großer sommerlicher Hitze wird deutlich, wie wichtig Schatten spendende und kühlende großkronige Bäume in einer Stadt sind. „Ziel muss es sein, zu Fuß in 5 Minuten einen Schattenplatz zu erreichen, sonst hält man es in der Stadt der Zukunft nicht mehr aus“ erklärte Klatt die große Bedeutung des zweiten Teils des Leitbildes, der Schutz und Erhalt großkroniger Bäume im Stadtbereich fordert.

„Man soll etwas dazu beitragen, dass man die Welt in einem besseren Zustand verlässt, als man sie vorgefunden hat.“ zitierte Gabi Rolland zu Beginn ihres Vortrages Berthold Brecht. Und benannte damit ihre persönlich Motivation, sich für biologische Vielfalt einzusetzen. In ihrem Vortrag „Neue Impulse für die Vielfalt“ machte die Landtagsabgeordnete aus Freiburg zunächst eindringlich klar, wie ernst die Situation bei uns weiterhin ist: „Zwischen 30 und 40 % der Tier- und Pflanzenarten, bei Fischen sogar 60%, stehen in Baden-Württemberg auf den Roten Listen. 37% der Biotoptypen des Landes sind bedroht und von den 166 in der FFH-Richtlinie aufgeführten Arten sind 65 in einem schlechten Zustand.

Die Grün-Rote Landesregierung hat bereits viele wichtige Schritte zu einer Verbesserung der Lage unternommen. Die „Naturschutzstrategie Baden Württemberg“, die auf der Seite des Ministeriums für ländlichen Raum und Verbraucherschutz für jeden frei zugänglich ist, benennt 5 Handlungsschwerpunkte für Baden-Württemberg und das erst vor wenigen Tagen verabschiedete Naturschutzgesetz dient der konkreten Umsetzung und Kontrolle dieser Maßnahmen. So hat der Skybeamer einer Diskothek, der zusätzlich den nahen Waldrand beleuchtet, keine Chance mehr: Eine derartige Lichtverschmutzung muss sofort eingestellt werden. Und wie kommt eine Wildkatze über eine Bundesstraße? Ein landesweiter Biotopvernetzungsplan soll helfen, für die Wildwege notwendige „Trittsteine“ zu schaffen. Die Landesregierung hat den Etat für Naturschutz verdoppelt, die Personaldecke zur Umsetzung von FFH-Managementplänen bei den Landkreisen verstärkt und die Landschaftserhaltungsverbände besser bezuschusst.

Soviel Geld – nur für die Natur? Klatt und Rolland zeigten, dass der Naturschutzetat auch nach der Verdopplung nur ca. ein Promille des Gesamthaushaltes von Baden-Württemberg ausmacht. „Und das sollte der Erhalt unserer Lebensgrundlage uns doch mindestens wert sein.“ so Moderatorin Barbara Becker.

Das Land fördert gezielt den Erhalt der biologisch sehr wertvollen Streuobstwiesen, den Schutz der Gewässerrandstreifen sowie die Verbreitung von Fassadenbegrünung in den Städten: „An unserem Haus in der Freiburger Innenstadt wachsen zwei Glycinien. Das sieht nicht nur schön aus, sondern schafft ein deutlich kühleres Mikroklima im Vergleich zum Nachbarhaus“ berichtete Rolland. Renaturierungsmaßnahmen an Flussläufen dienen der Lebensraum- und Arterhaltung und mindern gleichzeitig die Hochwassergefahr. Finanziert werden diese Projekte zum Teil im Rahmen von Ausgleichsmaßnahmen. So bezahlte die Deutsche Bahn die teilweise Renaturierung der extrem kanalisierten Dreisam in Freiburg als Ausgleich für den Ausbau der Bahnstrecke in diesem Bereich. Auf Initiative der Regierung wurden Hochwassergefahrenkarten erarbeitet, damit eine Bebauung von Überschwemmungsgebieten künftig ausgeschlossen werden kann.

Gabi Rolland ist es besonders wichtig, die Jugend an die Natur heran zu führen und die Vorteile einer biologisch vielfältigen Umwelt praktisch erfahrbar zu machen. Großschutzgebiete wie Nationalparke und Biosphärenschutzgebiete bieten unmittelbare, spannende Naturerlebnisse: ein echter Mehrwert gleichermaßen für Mensch und Natur.

In der anschließenden angeregten Diskussion zeigte sich nochmals die enorme Vielfalt des Themas: SPD Altstadtrat Walter Gutmann berichtete lachend über die wilden Diskussionen um die Verkehrsberuhigung der Bühler Innenstadt in den 80er Jahren, eine „Hotelkette“ für Insektenhotels auf Innenstadtbalkonen wurde angeregt. Natürlich ging es um die Saatkrähenproblematik in Bühl, aber auch um die Rückkehr des Wolfes sowie ganz allgemein um den Stellenwert von Naturschutzthemen in der Öffentlichkeit.

Moderatorin Barbara Becker bedankte sich herzlich bei dem Besuch aus Stuttgart für den anregenden Abend: “Das ist eine wirklich beeindruckende Bilanz, ihr habt viel für die Natur erreicht. Es ist beruhigend, den Naturschutz in so engagierten und tatkräftigen Händen zu wissen.“

Als gelungenes Schlusswort des Abends bleibt das von Gabi Rolland vorgebrachte Zitat von Henry Miller im Gedächtnis:
„Wer sich mit der Natur verträgt, dem tut sie nichts.“